Von Delikatessen, Filmkunst und Wohnkultur: Zur Geschichte der Rathausstraße 1
Panorama

Von Delikatessen, Filmkunst und Wohnkultur: Zur Geschichte der Rathausstraße 1

Nächstes Jahr feiert die BUWOG ihren 70-jährigen Geburtstag – ein Anlass, der auch für historische Rückblicke Gelegenheit geben wird. Nicht zuletzt ist die erfolgreiche und wechselvolle Unternehmensgeschichte auch eng mit der Geschichte der Zweiten Republik verzahnt, zugleich lässt sich daran die Entwicklung des Wohnens und der Immobilienwirtschaft über die letzten Jahrzehnte reflektieren. Ein wichtiger Meilenstein in der BUWOG-Biographie war die Errichtung des neuen Kunden- und Verwaltungszentrums und der Umzug in die Rathausstraße 1. Die BUWOG ist damit in den ersten Wiener Gemeindebezirk zurückgekehrt, ebendort, wo sie bei ihrer Gründung beheimatet war. Der neue Standort – die Rathausstraße 1 am Rand des Rathauscarreés – hat selbst ein spannendes Stück Stadtgeschichte zu erzählen, das einen Blick zurück lohnt.

 

Paraden für den Kaiser, Lebensmittel für das Volk

 

Ältere LeserInnen könnten sich wohl noch an die städtische Markthalle erinnern, die hier zwischen Auerspergstraße, Doblhoffgasse, Rathausstraße und Stadiongasse bis 1950 eine der größten und beliebtesten Lebensmittelumschlagplätze Wiens darstellte.

 

Die Detailmarkthalle am heutigen Standort der BUWOG. © Österreichische Nationalbibliothek / Julius Scherb

Das vom Architekten Friedrich Paul geplante und 1880 fertiggestellte Gebäude wies auf 1840 m² bisweilen 132 Stände auf. Und es war nicht die einzige ihrer Art. Wie unter Architektenlexikon.at nachzulesen, entwarf Paul mehrere solcher sogenannten Detailmarkthallen. Ab 1880 entstanden unter seiner Leitung vier in herkömmlicher Ziegelbauweise errichtete Hallen in Wien: am Phorusplatz im 4. Bezirk, im 7. Bezirk zwischen Neustiftgasse und Burggasse, im 9. Bezirk an der Nußdorfer Straße (das einzige bis heute erhaltene Gebäude) und eben jene neben dem Rathaus. Der korrekte Name der Markthalle verweist auf die Vorgeschichte des Ortes: Detailmarkthalle am Paradeplatz. Diese Ortsbezeichnung lässt auf den um 1870 aufgelassenen Exerzier- und Paradeplatz schließen, auf dem später das Rathausviertel entstand.

 

Zwischen heutiger Universitätsstraße und dem Justizpalast gelegen, wurde der ursprünglich vor der Burg etablierte Paradeplatz 1809 hierher verlegt. Er war Teil des sogenannten Wiener Glacis, einer unverbauten Fläche zwischen den Stadtmauern (rund um den heutigen ersten Bezirk) und den Vorstädten. Im 19. Jahrhundert wuchs die Stadt enorm und es herrschte zunehmend Platzmangel. Im Zuge der Stadterweiterung und des Baus der Ringstraße ab 1858 verschwand das Glacis schließlich − lediglich der Paradeplatz blieb noch bis 1870 bestehen.

 

18. August 1860: Militärparade am Paradeplatz anlässlich des 30. Geburtstages Kaiser Franz Josephs. © K.K. Hof- und Staatsdruckerei / Unbekannt

In dieses Jahr fiel die Genehmigung des Verbauungsplans für die Gegend rund um das heutige Rathaus. Es erfolgte die Übergabe der Grundfläche an den Stadterweiterungsfonds und im Frühjahr 1872 der erste Spatenstich für das Rathaus. Der vom Architekten Friedrich von Schmidt entworfene und 1883 fertiggestellte Bau im Stil der Neogotik war Teil eines größeren städtebaulichen Konzepts am Josefstädter Glacis. Dazu zählten auch die Ringbauten Parlament, ehemals Reichsratsgebäude, und Universität sowie das Rathausquartier, der Rathauspark, das sogenannte „Korpskommando“ des Militärs am Ort des heutigen NIG (Neues Institutsgebäude) und am südlichen Rand des Areals der Justizpalast.

 

 

Glacis mit Blickrichtung Josefstadt, in der Mitte das Landesgerichtsgebäude. Die Wiener Glacis waren Wiesenflächen außerhalb des Stadtgrabens (in etwa die heutige Ringstraße), die während der ersten Türkenbelagerung (1529) zur Verteidigung der Stadt entstanden und danach mit Bauverbot belegt worden waren. © Wien Museum / K.K. Hof- und Staatsdruckerei Wien

 

Wiener Glacis in den 1850er-Jahren. © John Murray

 

 

 

Vom Film- zum Glaspalast

 

Doch zurück zur imposanten Markthalle, die die Gegend rund um die Rathausstraße 1 als lebendiger Umschlagplatz und beliebter Treffpunkt bis weit in das 20. Jahrhundert prägte. Erst die schweren Kriegsschäden im Zweiten Weltkrieg bedeuteten das Ende des Gebäudes in dieser Funktion. Der Bau wurde aber einstweilen nicht gänzlich abgetragen, sondern 1949–1954 von Robert Kotas, dem Hausarchitekten des damals stadteigenen Kinobetreibers „Kiba“, zum „Forum-Kino“ umgebaut, das lange eines der größten Kinos Wiens war.

 

Das „Forum-Kino“, einst cineastischer Palast im Zentrum Wiens. © Sammlung Florian Pauer

 

1971 wurde das Kino Standort des jährlichen internationalen Filmfestivals „Viennale“. Nachdem in den letzten Jahren von 1968–1972 auch der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien hier seinen Sitz hatte, wurde der Bau 1973 schließlich abgerissen.

 

Das umgangssprachlich „Glaspalast“ genannte Vorgängergebäude des BUWOG Kunden- und Verwaltungszentrums. © S. Jackwerth

 

Wir schreiben das Jahr 1976: Alleinregierung der SPÖ unter Bruno Kreisky, die Arena wird besetzt und es kommt zum Einsturz der Reichsbrücke. Am heutigen BUWOG-Standort wird derweil modern gebaut: Bis 1980 entsteht hier nach Plänen der Architekten Harry Glück, Werner Höfer und Tadeusz Spychała ein Bürokomplex mit zeittypischer getönter dunkler Glasfassade und Braunton.
Wie das Kino nahm das Gebäude den gesamten Häuserblock zwischen Rathausstraße, Doblhoffgasse, Auerspergstraße und Stadiongasse ein. Anders als der Vorgängerbau stach es aber merklich aus seiner Umgebung, dem historischen Ensemble von Gründerzeithäusern, heraus. Bis 2013 beherbergte der „Glaspalast“, wie man in Wien bald dazu sagte, das Rechenzentrum der Stadt (Magistratsabteilung 14), ehe dieses in den 22. Bezirk übersiedelte.

 

Der „Glaspalast“ in zeittypischem Braunton beherbergte das Rechenzentrum der Stadt Wien. © BUWOG / Stephan Huger

Dass das Gebäude nicht anderwärtig weiterverwendet wurde, hat weniger mit seiner durchaus umstrittenen Außenwirkung zu tun als mit seiner eingeschränkten Funktionalität. Die Raumhöhen entsprachen nicht mehr der Bauordnung, die energietechnischen Voraussetzungen waren nicht mehr zeitgemäß, zudem waren rund die Hälfte der Räumlichkeiten nicht natürlich belichtet. Für den Architekten, den vor allem für seinen visionären Wohnpark Alt Erlaa bekannten Harry Glück, war der Abriss übrigens „kein emotionales Problem“, wie er gegenüber dem Standard kundtat. Er würde es viel mehr bedauern, wenn die von ihm geplanten Wohnbauten aufgrund von veränderten Anforderungen abgerissen würden.
2014 war im „Glaspalast“ noch eine Ausstellung zum „Wiener Wohnbau der Nachkriegszeit“ zu sehen, 2017 / 2018 wurde das Gebäude sorgsam rückgebaut und durch einen Neubau ersetzt: das Kunden- und Verwaltungszentrum der BUWOG.

 

 

Mit der BUWOG kehrte Wohnkultur in die Rathausstraße 1 ein. © BUWOG / Stephan Huger

Ein Ort moderner Wohnkultur

 

Der Wettbewerb zum Neubau wurde EU-weit ausgeschrieben, 145 Einreichungen langten ein. Kein Wunder: An solch einem prominenten innerstädtischen Standort zu bauen stellt für ArchitektInnen eine besonders reizvolle Herausforderung dar. Die Pläne reichten von Hochhäusern bis zu schlichten und minimalistischen Lösungen.

Das Siegerprojekt nach einem Entwurf der ARGE Schuberth Schuberth / Stadler Prenn / Ostertag überzeugte mit einem durchwegs stimmigen Konzept: Mit seinem eleganten und doch unaufdringlichen Äußeren fügt es sich optimal in das gründerzeitliche Ambiente ein. Bezüglich der Höhe dient das historische Traufenniveau des Rathauscarreés als Orientierung, das Gebäude ist etwas kleiner, als auch ein Stockwerk niedriger als der ehemalige „Glaspalast“. Dadurch konnte die von Anrainern und Stadt geforderte Sichtachse in der Josefstädter Straße Richtung Stephansdom erhalten werden. Der von allen Seiten begehbare Baukörper, der aus drei Untergeschoßen mit einem Supermarkt, Ladehof, Technik, Garagen und Lagernutzungen, Erdgeschoß, sieben Obergeschoßen (Büroebenen) und einer Dachterrasse besteht, bezieht dabei eine unverwechselbare und zeitgenössische Position. Dies ist wohl auch der Fassade geschuldet, die durch Tiefe, Material und Detaillierung glänzt. Für die originelle Gestaltung der Innenräume, die das Thema „Wohnen“ vielseitig aufgreift, zeichnet das Architekturbüro Atelier Heiss verantwortlich.

 

 

Der Neubau erfolgte gleichzeitig mit dem schonenden Rückbau des Vorgängergebäudes. © BUWOG / Stephan Huger

 

Das im Juni 2020 eröffnete Kunden- und Verwaltungszentrum der BUWOG wird den vielseitigen Bedürfnissen einer zeitgemäßen, urbanen Arbeitswelt gerecht. Dabei wurden in den Bereichen Nachhaltigkeit, Gesundheit am Arbeitsplatz oder Kundenfreundlichkeit neue Maßstäbe gesetzt.

Der neue Standort der BUWOG steht am Ende einer spannenden Geschichte, an einem Ort, der eine aufschlussreiche mikrohistorische Perspektive auf Stadtentwicklung und Architekturgeschichte bietet. Eines hat sich dieser Ort stets bewahrt: Er ist damals wie heute ein signifikanter Ort des Zusammenkommens, ein place to be: Einst kaiserlicher Paradeplatz, dann wichtiger Marktplatz, später städtisches Kulturzentrum, dann das „Hirn“ der Wiener Verwaltung, ist es heute ein zentraler Ort der Österreichischen Immobilienbranche. Die Rathausstraße 1 hat Tradition und Zukunftsperspektive vorzuweisen. Auch deshalb ist die BUWOG hier richtig, um auf Basis ihrer reichen Erfahrung das Wohnen im 21. Jahrhundert weiterzuentwickeln und „Glücklich wohnen“ in Umlauf zu bringen.

 

Nicht nur optisch überzeugend:
Der Neubau erhielt im September 2020 das Nachhaltigkeitszertifikat der ÖGNI (Österreichische Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft) in Gold. © BUWOG / Stephan Huger

Über den Autor

Thassilo Hazod

Zuständigkeit bei der BUWOG: Interne Kommunikation, Social Media und PR

Thassilo Hazod verantwortet die Betreuung diverser Kommunikationskanäle von Social Media über Intranet, Inhouse TV, Website und Unternehmensblog.
Vor seiner Tätigkeit in der BUWOG studierte er Geschichte, Ethnologie sowie Sprachkunst und arbeitete als Journalist, Lektor und freier Autor.

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