Nachhaltig Bauen mit Kalamitätsholz: Vom Schadholz zum Baustoff
Mission nachhaltiger Holzbau aus Kalamitätsholz: Lewin Fricke vom Innovationsunternehmen TRIQBRIQ. Foto: Divé
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Nachhaltig Bauen mit Kalamitätsholz: Vom Schadholz zum Baustoff

Holz gilt als Schlüsselmaterial für klimafreundliches Bauen. Es speichert CO, ermöglicht gesunde Innenräume und kann Bauteile ersetzen, die in der Herstellung besonders emissionsintensiv sind. Gleichzeitig verändert der Klimawandel die Wälder spürbar. Trockenheit, Stürme und Schädlinge wie der Borkenkäfer führen dazu, dass immer mehr Holz als Kalamitätsholz anfällt. Ein Startup hat eine patentierte Lösung dafür entwickelt, wie aus Schadholz gesunder Wohnungsbau werden kann.

 

In Folge 76 von „GLÜCKLICH WOHNEN – der BUWOG Podcast“ ist Lewin Fricke zu Gast. Er ist Leiter Öffentlichkeitsarbeit von TRIQBRIQ, einem jungen Unternehmen, das sich der sinnvollen Verwendung von Schadholz als Baumaterial verschrieben hat. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie relevant das Thema ist: Rund 61 Millionen Kubikmeter Holz werden jährlich geerntet. Das entspricht etwa zwei Millionen Lkw-Ladungen. Ein erheblicher Anteil davon ist Kalamitätsholz, also Schadholz, das etwa durch Trockenstress, Sturmereignisse oder Borkenkäferbefall gezeichnet ist. Für lange Balken, hochwertige Möbel, Parkett & Co ist das oft nicht mehr nutzbar – und wird oft der thermischen Verwertung zugeführt. Also: Verbrannt.

Wie also Schadholz langfristig besser nutzen?

Wenn der Wald unter Stress steht

Für die Immobilienwirtschaft ist das mehr als ein Forstthema. Es geht um Materialverfügbarkeit, CO₂-Bilanzen und Baukosten, aber auch darum, wie Holzbau im großen Maßstab funktioniert. „Durch den menschengemachten Klimawandel sind wir leider in der Situation, dass vier von fünf Bäumen im deutschen Wald krank sind.“ Für Lewin Fricke ist das die zentrale Ausgangslage, um über Kalamitätsholz zu sprechen. Trockenperioden, Stürme und Borkenkäferbefall schwächen Bestände großflächig.

Bei Baumarten wie der Fichte zeige sich besonders deutlich, wie schnell Trockenstress die Abwehrkräfte reduziert. Sturm, Trockenheit und Schädlingsbefall erhöhen also den Anteil an Holz, das nicht bester Güteklasse entspricht. Und: Auch beim regulären Einschlag jedoch wird Holz geerntet in sehr unterschiedlichen Qualitäten anfällt. Genau diese Unterschiede entscheiden darüber, ob Holz im Bau eingesetzt wird oder in kurzen Verwertungsketten landet.

Massivholzbausteine und zirkuläres Bauen 

Wie lässt sich Holz niedrigerer Qualität in tragenden Bauteilen nutzen? Das Unternehmen TRIQBRIQ hat „Holzbausteine“ entwickelt, die mittlerweile patentiert sind. „Wir haben ein kreislauffähiges Holzbausystem entwickelt“, erläutert Fricke im BUWOG-Podcast. 2025 wurde das System sogar prämiert mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

 

Projekt in Frankfurt: Ein mehrgeschossiges Wohnhaus wird montiert. Foto: TRIQBRIQ
Projekt in Frankfurt: Ein mehrgeschossiges Wohnhaus wird montiert. Foto: TRIQBRIQ

Die sogenannten „Briqs“ werden aus gehobelten Kanthölzern gefertigt und so konzipiert, dass sie später auch wieder rückgebaut werden können. „Ohne Klebstoff, ohne Chemie und Schrauben“ wie Fricke betont. Die Verbindung funktionieren über Buchenholzdübel. So entsteht die Grundlage für z.B. eine 25 Zentimeter starke Massivholzwand, die sich auf der Baustelle schnell zusammensetzen lässt, ohne Mörtel und ohne Trocknungszeiten. Diese kann wie jede andere Rohbauwand verkleidet und bearbeitet werden. Für Fricke ist das ein Beitrag zum einfachen Bauen, auch weil Montage und Rückbau klarer planbar werden.

 

Das Unternehmen ist, wie auch die BUWOG, aktives Mitglied der Koalition für Holzbau, ein Verbund von forschenden, planenden und bauenden Akteurinnen und Akteuren entlang der Wertschöpfungskette des Holzbaus. Gerade im mehrgeschossigen Wohnungsbau entscheidet sich, ob klimafreundliche Baustoffe vom Pilotprojekt zur neuen Normalität werden. Das gilt auch für TRIQBRIQ: „Unser Zielmarkt ist der mehrgeschossige urbane Wohnungsbau“, so Fricke. Das Unternehmen wolle dort ansetzen, wo Wohnraumbedarf und Klimaziele zusammentreffen. Derzeit wird erfolgreich internationalisiert, „sogar in Chile gibt es schon Projekte“.

Echte CO₂-Speicherung im Neubau

In Braunschweig ist schon ein ganzer Supermarkt bereits realisiert worden. (Mehr erfahren zu: „Deutschlands erster Supermarkt aus Holzbausteinen„). Ein echtes Plus nicht nur für das Unternehmen Edeka, das damit ein spektuakuläres Leuchtturmprojekt im Portfolio hat, sondern auch für die Klimabilanz. Denn unter Berücksichtigung aller vorgelagerten Prozesse – wie Ernte, Transport und Produktion – werden pro Quadratmeter Wand insgesamt 177 Kilogramm CO₂ eingelagert. Am Beispiel des Edeka-Marktes in Braunschweig ergibt sich eine stolze Menge: „Allein in den verbauten Bricks sind rund 250 Tonnen CO₂ gebunden.“

 

Holzbau kann Retail: Deutschlands erster Supermarkt aus Massivholz. Foto: TRQBRIQ
Holzbau kann Retail: Deutschlands erster Supermarkt aus Massivholz. Foto: TRIQBRIQ

Für die Bauwende ist aus seiner Sicht zudem entscheidend, was nach der Nutzungsphase passiert. „Beim Re-use ist die Idee, dass ein Bauteil eins zu eins so wieder eingesetzt wird“, eben: Echte Kreislauffähigkeit. Nachhaltiges Bauen mit Kalamitätsholz bedeutet damit nicht nur, einen schwierigen Rohstoff zu nutzen. Es geht auch darum, Wertschöpfungsketten zu verlängern, CO₂ langfristig zu speichern und Baustoffe so zu gestalten, dass sie in der gebauten Umwelt bleiben können.

Für die Immobilienwirtschaft ist das ein zentraler Baustein der Bauwende, weil sich Klimaziele, Kosten und Skalierung nur dann zusammenbringen lassen, wenn Lösungen vom Pilotprojekt in die Breite kommen.

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Michael Divé

Über den Autor

Michael Divé

Michael Divé ist Teamleiter Kommunikation und Pressesprecher der BUWOG in Deutschland.

Er leitet die Unternehmenskommunikation und die digitalen Kanäle der BUWOG in Deutschland und moderiert den Podcast GLÜCKLICH WOHNEN. Nach seinem Studium der Medienwirtschaft an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden und Toulouse (Frankreich) war er als Journalist und Medienmanager für verschiedene Medien und Unternehmen tätig.