Wie können Städte so gestaltet werden, dass Alltagswege kürzer werden, umweltfreundliche Mobilität gelingt und mehr Lebensqualität entsteht? Darum geht es zum Auftakt der 12. Staffel von „GLÜCKLICH WOHNEN – der BUWOG Podcast“. Zu Gast ist die Architektin, Stadtforscherin und Professorin Dr. Tatjana Schneider, Leiterin des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und der Stadt (GTAS) an der TU Braunschweig.
Die Stadt der kurzen Wege ist kein neues Konzept. Vielmehr knäpft die Idee an historisch gewachsene Stadtstrukturen an, in denen Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit immer eng miteinander verflochten waren, so die Professorin Dr. Tatjana Schneider: „Die fußläufig erlebte Stadt war lange Zeit der Normalfall in Europa. Mit der Industrialisierung, der Verbreitung der Eisenbahn und später dem privaten Auto begann sich die Stadt räumlich aufzulösen.“ Die Funktionen des Alltags wurden getrennt. Damit wurden die täglichen Wege länger, die Mobilität wurde zunehmend auf das Auto ausgerichtet.
Die autogerechte Stadt, prägend insbesondere ab den 1950er Jahren, galt dabei lange als Fortschritt. Rückblickend zeigt sich jedoch, dass diese Entwicklung neue Probleme hervorgebracht hat, so die Professorin: „Etwa Zersiedelung, Verkehrsbelastung und soziale Entkopplung.“
Vor diesem Hintergrund versteht sich die Stadt der kurzen Wege als Gegenbewegung. Im Kern geht es darum, alltägliche Funktionen wieder näher zusammenzubringen. Einkaufen, Schule, Arbeit, medizinische Versorgung oder kulturelle Angebote sollten innerhalb kurzer Zeit erreichbar sein, idealerweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad. „Häufig wird in diesem Zusammenhang von der 15-Minuten-Stadt gesprochen, allerdings weniger als starres Modell, sondern als orientierendes Leitbild“, so Prof. Schneider.
Urbane Akupunktur statt radikaler Umbau
2015 hatte der Stadtforscher Carlos Moreno sein Konzept der „ville du quart d’heure“ (Stadt der Viertelstunde) formuliert. Besonders anschaulich wird die Anwendung dieses Leitbildes in Städten wie Paris, Kopenhagen oder Barcelona – Metropolen, die sich seit einigen Jahren schon auf den Weg machen, den Autoverkehr zu reduzieren, stattdessen Quartiere funktionsgemischter und fußläufiger zu machen. Diese Beispiele zeigen, dass selbst große und komplexe Städte in kurzer Zeit verändert werden können. „Städte wirken oft wie behäbige Tanker, können aber in erstaunlich kurzer Zeit umgestaltet werden.“

Entscheidend sei dabei, dass kaum in die bestehende Bausubstanz eingegriffen wird. „Statt Abriss und großflächigem Neubau geht es um das Umdeuten und Umprogrammieren vorhandener Räume. Ich sehe das als urbane Akupunktur.“ Parkplätze werden umgewidmet, Fahrspuren reduziert, Straßenräume begrünt oder neu genutzt.
Beispiel Paris: Im Zuge der Umgestaltung der Champs-Élysées wurde die Anzahl der Auto-Spuren halbiert und der gewonnene Raum in breitere Gehwege, zusätzliche Grünflächen und Aufenthaltsqualitäten umgewandelt – wovon auch die lokale Wirtschaft und der Einzelhandel profitieren.
Diese gezielten Eingriffe sparen Ressourcen, reduzieren CO₂-Emissionen und verändern dennoch spürbar den Alltag in der Stadt. Die Stadt der kurzen Wege ist dabei mehr als ein verkehrsplanerisches Konzept. „Sie beeinflusst, wie Menschen sich im öffentlichen Raum begegnen.“ Wer zu Fuß unterwegs ist, trifft andere, kommt ins Gespräch und erlebt Stadt als sozialen Raum. „Begegnung ist das, was Gesellschaft letztlich entstehen lässt“, erläutert die Wissenschaftlerin im BUWOG-Podcast.
Auch die Seestadt Aspern bei Wien ist nach der Idee der Stadt der kurzen Wege errichtet: Wohnen, Büros, Einzelhandel, Schulen und Freizeitangebote sind fußläufig in einer Viertelstunde erreicht, der Verkehr ist weitgehend autofrei, Freiflächen werden großteils für Parks und Stadtplätzen genutzt.
Wertvolle Ressource: Die Vororte
Gleichzeitig rät Schneider, das Konzept nicht zu idealisieren. Denn: Nicht jede Stadt und schon gar nicht jede ländliche Region lässt sich ohne Weiteres nach dem Prinzip der kurzen Wege umbauen. Besonders herausfordernd seien Vororte und Einfamilienhaus-Gebiete, in denen das Auto eine zentrale Rolle spiele. Für die Forscherin ist das auch eine Chance: „Ich sehe diese Gebiete als wertvolle Ressourcen.“ Viele dieser Siedlungen seien baulich oft in gutem Zustand. „Die sind gebaut und in vielen Teilen sehr solide“. Gemeinschaftliche Funktionen, ergänzende Infrastrukturen oder neue Wohnformen könnten diese Quartiere schrittweise verändern und eine ursprünglich dort vorgesehene Dichte wieder herstellen. Beispiele aus der Schweiz, aus Süddeutschland oder aus Wien zeigen, wie etwa gemeinschaftlich organisierte Wohnprojekte soziale Nähe und neue Nachbarschaften ermöglichen und auch neues Leben in überalterte Einfamilienhaus-Siedlungen bringen könnten.
Das Leitbild der Stadt der kurzen Wege stellt Nähe von Funktionen, Teilhabe und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Nicht als Allheilmittel für jedes städtebauliche Problem und nicht durch radikalen Neubau. Sondern: Durch die präzise Weiterentwicklung des Bestehenden.
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