In Neubau und Quartiersentwicklung kann man ab der ersten Planung vieles richtig machen, um Räume zu kreieren für Begegnungen jenseits der eigenen vier Wände. Was aber macht Nachbarschaft aus, wie verändert sie sich z.B. durch die Digitalisierung und welche Rolle spielen Begegnungen im halböffentlichen Raum für das Zusammenleben in der Stadt? Zu diesem Thema spricht Prof. Dr. Talja Blokland in „GLÜCKLICH WOHNEN – der BUWOG Podcast“.
Wie wird aus einer Wohnsituation „Tür an Tür“ eine gelingende Nachbarschaft und wie begegnen sich Menschen in der Stadt? Das Phänomen Nachbarschaft ist eines der Forschungsthemen der Expertin Dr. Talja Blokland, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Zentrumsrat des Georg-Simmel-Zentrums für Stadtforschung. Was haben Räume und Stadtgestaltung mit Begegnungsmöglichkeiten zu tun und warum sind alltägliche Begegnungen auch eine Art „Kulturtechnik“, die Vertrauen, Zugehörigkeit und soziale Stabilität beeinflusst?
Nachbarschaft ist zunächst mal kein fest umrissener Zustand und keine automatisch entstehende Gemeinschaft. Nachbarschaft ergibt sich nicht allein aus räumlicher Nähe, sondern entsteht durch soziale Aushandlung. „Nachbarschaft ist nichts Natürliches, sie muss immer hergestellt werden“, erläutert Prof. Blokland. Einzige Voraussetzung: „Das Einzige, was Nachbarn definiert, ist, dass sie nebeneinander wohnen.“
Nachbarschaft zwischen Nähe und Distanz
Nachbarschaft kann eng, distanziert oder beiläufig sein und bedeutet nicht zwangsläufig Freundschaft. Häufig gibt es nur lose Formen des Kontaktes, ein Nicken, Wiedererkennen oder ein kurzer Austausch im Alltag – sie können bereits ein Gefühl von Vertrautheit und Sicherheit erzeugen. „Man muss sich nicht mögen, um Nachbarschaft zu sein“, so Blokland, aber gerade diese unverbindlichen Beziehungen machen Nachbarschaften stabil, „weil sie wenig Zeit, Emotion oder Verpflichtung erfordern und sich flexibel an unterschiedliche Lebensphasen anpassen lassen.“
Derzeit arbeitet Prof. Dr. Talja Blokland im Rahmen eines Opus-Magnum-Projekts der VolkswagenStiftung an einem Buch zu urbanem Vertrauen sowie zu Praktiken des Füreinanders und Nebeneinanders in der Stadt. Anfang 2026 hat sie den Max-Weber-Lehrstuhl an der New York Unversity übernommen wo sie zunächst bis Ende des akademischen Jahres 2026/27 zu Themen der Europäischen Studien lehren und forschen wird. Hört man der Expertin zu, wird schnell klar: Nachbarschaft ist auch eine spannende Art von Kulturtechnik, die man trainieren kann. Auch und gerade dann, wenn es darum geht, Andersartigkeit auszuhalten.
Halböffentliche Räume als Orte der Begegnung
Eine zentrale Rolle für solche Begegnungen spielen halböffentliche Räume. Dazu zählen Hausflure, Höfe, Spielplätze, aber auch Kioske, Läden oder andere Treffpunkte in Quartier oder Kiez. Sie sind weder privat noch vollständig öffentlich und ermöglichen Begegnungen, ohne Nähe zu erzwingen. Prof. Blokland: „Begegnung ist nicht gleich Beziehung.“
Gerade beiläufige Kontakte in diesen Räumen sorgten dafür, dass Menschen sich wiederholt sehen, einander wahrnehmen und eine Vertrautheit entwickeln, „ohne sich erklären oder festlegen zu müssen“, so Prof. Blokland. Wo halböffentliche Räume fehlen, stark reguliert oder funktional überplant sind, wird Nachbarschaft erschwert. Besonders Menschen mit geringeren finanziellen Ressourcen sind auf solche Orte angewiesen, da sie weniger Ausweichmöglichkeiten haben. Halböffentliche Räume sind damit nicht nur eine Frage der baulichen Gestaltung, sondern auch relevant für die sozialen Teilhabe.

Wie Nachbarschaft erlebt wird, hängt stark von individuellen Lebensbedingungen ab. Zeit, Einkommen, Mobilität und Lebensphase beeinflussen, wie präsent Menschen in ihrem Wohnumfeld sind und mit wem sie in Kontakt treten. Während aber früher viele Alltagsfunktionen vom Einkauf bis zur Erwerbsarbeit zwangsläufig den Gang vor die Haustür erforderten, so ändert sich das derzeit.
Denn die Digitalisierung dominiert den Alltag und verändert den Bewegungsradius vieler Menschen: Arbeit, Einkäufe und soziale Kontakte lassen sich zunehmend ohne physische Begegnung organisieren – per App, Lieferdienst oder online aus dem Home-Office.
Konsumfreie Räume schaffen – ab der ersten Planung
Diese Möglichkeiten seien jedoch ungleich verteilt, gibt Prof. Blokland zu bedenken. „Während einige ihren Alltag weitgehend digital gestalten können, sind andere weiterhin auf den öffentlichen Raum angewiesen.“
Räume schaffen, in denen sich verschiedene Menschen möglichst konsumfrei begegnen können: Für Planenden und Bauende ist dieses Thema heute relevanter denn je. Nicht zuletzt durch den Bedeutungsgewinn des Aspekts der sozialen Nachhaltigkeit spielen in der Quartiersentwicklung die begleitenden Wohnumfelder eine wichtige Rolle. Erkenntnisse aus der Stadtsoziologie und über das Phänomen Nachbarschaft können hilfreich sein, um hier wichtige Weichen rechtzeitig und mit dem richtigen Fokus zu stellen.
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