Ob ein Quartier lebendig wirkt, darüber entscheidet oft das Erdgeschoss. Läden, Fassaden, angrenzende Höfe und Wege prägen, wie Menschen eine Stadt empfinden. Die Professorin Dr. Angelika Psenner von der TU Wien forscht zum Thema Stadtparterre und erklärt, warum diese Ebene für ganzheitliche Stadtstrukturen wichtig ist.
Gebäude und öffentlicher Raum sind im Stadtparterre eng miteinander verbunden. „Das Erdgeschoss endet nicht an der Fassade, sondern wirkt in den Straßenraum hinein. Umgekehrt bestimmen Gehsteige, Verkehr, Zugänge und Höfe mit, ob Erdgeschosszonen genutzt, wahrgenommen und belebt werden“, erklärt die Professorin Dr. Angelika Psenner. Sie versteht das Stadtparterre als das „Erdgeschoss der gesamten Stadt“. Die Ebene 0, der Straßenraum und angrenzende Höfe betrachtet sie als Einheit.

Am Beispiel Wien zeigt sie, wie historische Stadtstrukturen bis heute wirken. „In Wien sind die Straßen aus der Gründerzeit viel schmaler als zum Beispiel in Berlin. Zugleich wohnten damals im 19. Jahrhundert in den Häusern viel mehr Menschen auf beengtem Raum.“ Die Folge: Zur Versorgung der Menschen brauchte man mehr Gewerbe, kleine Lokale oder Garküchen in den Erdgeschossen. „In der Gründerzeit gab es im Erdgeschoss kaum ungenutzte Flächen. Jeder Winkel ist genutzt worden“, erläutert Psenner. „Dort wurde gewohnt, gearbeitet, produziert, verkauft und gegessen. Das Erdgeschoss war damit nicht Randzone, sondern aktiver Teil des städtischen Alltags.“
Stadtparterre als Ressource
Heute zeigt sich in vielen Erdgeschosszonen ein anderes Bild. Die Erdgeschossflächen der Gründerzeit werden oft als schwierige Flächen betrachtet, vielfach wurden sie im 20. Jahrhundert umgenutzt oder zu Abstellräumen oder Garagen umgebaut. Für das Stadterleben hatte das Folgen, so die Expertin: „Garagentore, blinde Fenster und geschlossene Fassaden erzeugen wenig Austausch mit dem Straßenraum. Man geht lieber durch eine Gasse, wo das Erdgeschoss einfach belebt und bespielt ist“. Die gute Nachricht: Viele historische Erdgeschosse mit hohen Decken bieten die Voraussetzungen für neue Nutzungen.
„Planende und Bauende sollten Erdgeschosse nicht als Problemzone sehen, sondern als Ressource“, rät die Professorin. Zwischennutzungen oder Pop-up-Konzepte könnten dabei helfen, Räume zu öffnen und sichtbar zu machen, was an einem Standort funktioniert. Denn: „Wenn das Stadtparterre funktioniert, funktioniert die Stadt.“
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